Behind the stage: Steel Panther

11. April 2012 - 22 Uhr
Von: Peaches Sweetsin

Ihre Lieder handeln von Drogenexzessen, Orgien und Scharen begattungswilliger Mädchen, die sich ihnen an den Hals werfen, die Auswahl ihres Covermodels wurde äußerst charmant durch ihre Künste im horizontalen Bereich begründet und wenn sie auf ihren Touren von Stadt zu Stadt ziehen, folgen ihnen die Videos und Fotos, die Zeugnisse barbusiger Frauen auf Bühnen, betrunkener Groupies und hemmungslosem Rock&Roll-Lebens wie ein sündiger Rattenschwanz.

Steel Panther haben sich einen Ruf und ein Image aufgebaut. Von vielen belächelt und als reine Parodie abgestempelt und obgleich ihrer überzogenen Aussagen bleibt dennoch die Frage im Hinterkopf: Wieviel Wahrheit steckt in ihrer Koketterie und ihrem Spiel mit dem typischen Rockstarimage? Waren es vielleicht keine “17 Girls In A Row”, aber trotzdem Six Girls In A Week? Und was passiert wirklich hinter den Kulissen, nachdem die Lichter ausgehen und die auf die Bühne geholten Frauen sich, geraubter Beute gleich, backstage versammeln? Fallen mit den Perrücken der Musiker etwa auch die Hemmungen oder doch nur die Maskerade?

Als Ende letzten Jahres das Erotikmagazin Happy Weekend eine Aktion startete, bei der Tänzerinnen für die Deutschlandauftritte des Quartetts gesucht wurden, war dies gleichzeitig die Geburt einer Idee: Liveberichte und Konzertreviews gibt es zuhauf, durch Portale wie Youtube und Facebook kann man sich die Konzerthighlights (in diesem Fall: Das Blankziehen) ins heimische Zimmer holen, doch wo liest man, was hinter der Bühne geschah? Und ist dies versteckte Treiben im Hintergrund nicht fast schon interessanter als das für die Massen bestimmte Programm?

Schnell war der Plan geschmiedet, die Bewerbung abgeschickt und nun hieß es: Warten.

Als ich schon fast die Hoffnung aufgegeben hatte, noch eine Benachrichtigung zu bekommen, flatterte doch noch eine E-Mail in mein Postfach und es war nun sicher: Ich würde am 20sten März 2012 eine Tänzerin für Steel Panther sein.

Die Bedingungen waren einfach: Bei einem Lied würden meine Mittänzerinnen und ich auf die Bühne geholt werden, knappe Klamotten erwünscht, aber kein Ausziehen erforderlich. Halleluja!

Der Tag des Auftrittes kam schneller als erwartet, und während auf Ebay und Facebook die Kartenjagd ungeahnte Ausmaße annahm, füllte mich diese Tatsache einerseits mit Belustigung, als auch mit Unbehagen, vor allem, als ich vor die Halle trat und schon meterlang die Schlange vor der Live Music Hall erblickte – inklusive einer akustischen Untermalung in Form von angetrunkenem Gröhlen, Bierflaschenklirren und dem unverwechselbaren Getrappel von Higheels vermischt mit Geplapper irgendwo zwischen Vorfreude und kritischem Alkoholpegel.

Schnell an der Abendkasse unsere Working-Aufkleber abgeholt, durften wir uns die Vorband noch aus dem Zuschauerraum ansehen, sollten uns aber in der Umbaupause am Backstageeingang einfinden, um kurz vor dem Gig schon einmal die Band kennenzulernen.

Für viele Besucher war es das erste Mal, dass sie The Treatment, die junge Supportband aus Cambridge, live sahen. Ich hatte sie schon bei der Alice Cooper – Tour letzten November und in Wales gesehen und bin seitdem ein großer Fan der Jungs – mit einem Durchschnittsalter von gerade mal 20 Jahren schaffen sie es mühelos mit ihren sehr berühmten Mitmusikern mitzuhalten. Ich werde niemals den Moment vergessen, indem ich, noch davon ausgehend dass eine Vorband von Alice Cooper bestimmt auch nur aus etwas älteren Männern des 80er-Schlags bestehen würde, von ihrer frischen, jugendlichen Energie, ihrem Sound und ihrem rotzig-rockigem Auftreten geradezu umgehauen und mitgerissen wurde – genau dieselbe Reaktion, einen Mix aus einer positiven Überraschung, die sich flugs in Begeisterung verwandelte – die ich auch in den Gesichtern der Steel Panther – Fans sehen konnte. Jungs, ihr rockt!

Das Licht ging aus, die Jungs sprangen von der Bühne – und nun hieß es für uns Showtime! Durch ein kleines Labyrinth aus Treppen und kahlen Gängen geführt, fanden wir uns in einem gering eingerichteten Raum mit Kühlschrank und einem großen Tisch wieder, von Michael Starr bereits erwartet, wurden wir ihm als seine Tänzerinnen vorgestellt. Auf den ersten Blick sehr sympathisch und aufgeschlossen, lobte er direkt unsere Outfits, spielte mit kindlicher Begeisterung („I need this too!“) mit den Fransen an meinem Oberteil herum und plapperte fröhlich drauf los, wie sehr er doch stolz auf sich ist, dass er in seinem fortgeschrittenen Alter (welches während der Unterhaltung ständig zwischen 48 und 52 wechselte) noch sooo hoch sein Bein werfen kann. Dies wäre beinahe in einen Wettbewerb ausgeartet, wenn wir nicht wieder nach unten hätten gehen müssen, die Band muss sich ja schließlich noch schminken (und da wir uns hier im Glam befinden, ist das sogar mal eine unironische, nicht fiese Aussage, hah!).

Den ersten Teil der Show sahen wir uns von der Bühnenseite an, in Gesellschaft von The Treatment, die es sich nicht nehmen ließen, auch nach dem gefühlten zwanzigsten Konzert, auf das sie Steel Panther nun begleiteten, die Show des Hauptacts anzusehen. Anscheinend war die Anwesenheit der jungen Musiker für einige Damen Anreiz genug, sich schon mal warm zu tanzen, anders könnte ich mir nicht erklären, warum binnen fünf Minuten jeder von ihnen mit einer hüftschwingenden, leichtbekleideten Tänzerin gesegnet war – die Jungs wird’s gefreut haben, schließlich sieht so doch der perfekte Rockstartraum aus: Runter von der Bühne und schon stehen sie da. Hoffen wir mal, dass daheim keine Freundin auf böse Beweisbilder stößt.

Das heiter-frivole Treiben fand ein schnelles Ende, als wir endlich aufgefordert wurden, uns bereit zumachen – Showtime!

Zunächst ein wenig verwundert, dass zusätzlich zu uns „gebuchten“ Tänzerinnen noch weitere Mädchen auf die Bühne geholt wurden – warum dann der Aufwand mit dem Wettbewerb? – aber als der erste Schritt auf der Bühne gemacht wurde, waren solche Gedanken nichtig und vom grellen Scheinwerferlicht und dem Gröhlen der Menschenmassen, welches uns um die Ohren schlug, wie weggeblasen. Es war Zeit zu rocken!

Das erste, was mir auffiel, was die immense Hitze, die auf der Bühne herrschte. Als die beiden Lieder, bei denen wir auf der Bühne standen, vorbei waren, war ich richtig durchgeschwitzt und fertig – Respekt an dieser Stelle für jeden, der ein ganzes Set durchhält ohne zwischendurch eine Verschnaufpause einlegen zu müssen!

Das Publikum verlor auf der Stelle seinen Schrecken und nach einer kurzen Zeit der Eingewöhnung machte es richtiggehend Spaß dem Publikum einzuheizen und Party zu machen – einzig eine kleine Tatsache störte das Gesamtbild.

Es schien nämlich dass Steel Panther, die das Publikum sonst mit Sprüchen und Dialogen, die jeder Stand Up-Comedy-Show entnommen sein könnten, zu Lachtränen treiben können, sich in dem Moment, als wir die Bühne betraten, uns die Show machen ließen – und zwar mit nackten Tatsachen.

Mehrmals wurde ich dezent darauf hingewiesen, doch mein Shirt zu lüften und der Masse meine Brüste zu zeigen, gefolgt von einem entnervten Schnauben, wenn ich mich weigerte und dem erneuten Versuch bei einer anderen.

Leute, erstens heißt es „Balls Out“, nicht „Tits Out“, also, wie wäre es, wenn ihr selber einmal nackte Tatsachen zeigt um das Publikum anzustacheln? Und zweitens, nur weil sich überall auf der Welt Frauen finden, die spontan vor der Masse blank ziehen, muss dieses nicht zum Standard werden, sodass es fast schon unnatürlich und spießig ist, wenn man die Kleider anbehält, selbst wenn man sich auf der Bühne bei einem Steel Panther-Konzert befindet.

Schließlich fand ihre Suche ein Ende und die mit Ungeduld erwarteten Brüste wurden von einer Dame, die aus dem Publikum auf die Bühne geholt wurde, in die Menge gehalten, eine Aktion, die von der einen Seite mit Entzücken und Jubelstürmen, auf der anderen mit Kritik und negativer Verwunderung quittiert wurde.

Unglaublich schnell ging das Spektakel zu Ende und wir durften uns von der Bühne entfernen – verschwitzt, belustigt, etwas erschöpft, aber euphorisch… Und vor allem gespannt, was der Abend noch so mit sich bringen würde, denn schließlich befand sich jetzt eine Horde knapp bekleideter Mädchen im Backstage-Berich von Steel Panther und jetzt würde sich zeigen, wieviel sich von „Fuck All Night And Party All Day“ bewahrheiten würde.

Und das Fazit der Aftershowparty? Vor allem nachdem Michael Starr auf der Bühne noch groß von der letzten ausufernden Party im Pascha in Köln erzählte?

Gar

Nicht

Mal

So

Spannend.

Nicht falsch verstehen – es herrschte eine lustige Stimmung, es gab Whiskey, die Jungs haben auf ihre erheiternde Art und Weise mehrmals den Raum zum Lachen gebracht, Satchel (ohne Haare) spielte Klavier und Michael zuzuhören, wie er sich zigmal bei der nackten Attraktion für ihr keckes Auftreten bedankte, war einfach goldig – aber ob es daran lag, dass die Jungs für ihren nächsten Gig am Folgetag fit in München auftauchen mussten („Whaaaaaat, we have to drive more than five hours? Oh fuuck, I hate my life just right now!“ – O-Ton Satchel) oder sie sich einfach diesesmal nicht die richtige Art von weiblichen Fans erjagt haben – aber von einer ausufernden Orgie fehlte jede Spur. Genauso wie von Lexxi und Stixx, wie mir gerade auffällt, die relativ früh in ihre Garderobe verschwanden.

Lediglich Satchels Tipps zum Drogenkonsum und Michaels anzügliche Witze, die ständig von einem schelmischen Grinsen begleitet wurden, erinnerten einen daran, dass die Männer, die jetzt in Bandshirt und Jeans sowie mit kurzen Haaren statt bandanaumschlungener Wallemähne noch vor knapp zwei Stunden in zerfetzten hautengen Klamotten knapp 4000 Leuten musikalisch untermalte Obszönitäten um die Ohren ballerten.

So neigte sich die Nacht dem Ende zu, wir verabschiedeten uns von den Jungs und gingen jede unserer Wege. Im Bereich des Glam Metal hielten zwar Bands wie Mötley Crüe und Co. jahrelang die Fahne der totalen Eskalation aufrecht, doch hier war davon keine Spur. Vielleicht liegt es auch daran, dass Steel Panther entgegen des Irrtums vieler Laien kein Vertreter des Glam Metal ist (jetzt möchte ich die schockierten Gesichter sehen… Aber nein, dass Steel Panther eine Band der 80er war, ist lediglich ein scherzhafter Aufhänger der Jungs und auch der New Wave Of Sleaze kann man sie nicht zurechnen), sondern diese Musikrichtung eher parodieren. Immerhin ein Vorteil für die emanzipatorische Sicht auf den Rock & Roll, so können im Fun Glam Rock zumindest Mädchen ohne Verlust von Würde und Anstand nach einer Aftershowparty nach Hause gehen. Wenn sie es denn wollen.

 

 

 

 

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